Archiv: "Sturm der Liebe": Abschied von Boris und Tobias
Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 19.03.2019 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen. Einige der enthaltenen Links zu Fremdseiten funktionieren inzwischen nicht mehr.
Viele Fans waren durch die Ende Januar 2019 von der ARD und den Boulevardmedien verbreitete Nachricht entsetzt: Boris Saalfeld und Tobias Ehrlinger verlassen den Sturm der Liebe. Weshalb zumindest Max Beiers Weggang zu erwarten war, was ich mir von der Telenovela für die Zukunft wünsche und welche Kritikpunkte ich trotz der wunderschönen Hochzeit äußere, erkläre ich in diesem Beitrag.
Für eine Telenovela, die täglich gesendet wird (außer die ARD lässt mal wieder ihr Programm ausfallen oder sendet Sport, Rosenmontagsumzüge – die auch auf One gezeigt werden – etc. ...) ist es schon erstaunlich, dass das Lieblingspaar der Zuschauenden aus der Geschichte geschrieben wird. Dass aber etwas mit Toris, wie die Fans die beiden Rollen liebevoll nennen, geschehen wird, war allen klar, die sich Max Beiers Spielplan angesehen haben. Der Darsteller von Tobias tourt nämlich mit einem neuen Bühnenprogramm durch Deutschland. Auch wenn diese Information lange unter Verschluss gehalten worden war, tauchten im Spätherbst 2018 online die ersten Hinweise auf eine Tour auf. Klar, dass er sich nicht zweiteilen kann, sodass ich schon länger wusste, dass es mit Toris zu Ende gehen wird.
(K)ein schwules Traumpaar
Für Sturm der Liebe war es eine Sensation, dass mit Boris Saalfeld ein schwuler Hauptcharakter eingeführt wurde. Als sich dieser später dann noch in den neuen Haustechniker und freiwilligen Feuerwehrmann Tobias Ehrlinger verliebte, glich das einer Premiere. Zuvor hatte es 2013 mit der Scheinhochzeit von Michael Niederbühl und André Konopka schon eine Zeitlang eine homosexuelle Geschichte gegeben, die allerdings lediglich für den Klamauk – Anteil der Sendung geschaffen wurde. 2014 hatte sich Daniel Brückner gegenüber Pauline als bisexuell geoutet, der kurz mit dem fanatischen Schlagersänger Chris Brenner gezeigt worden war.
Mit Toris hielt 2018 eine Hauptgeschichte Einzug in das unerwartet weltoffene Bichlheim, wodurch sich viele Fans gewünscht hätten, dass sie nach dem Fortgang von Alicia Lindbergh und Viktor Saalfeld das neue Traumpaar geworden wären. Doch hinter den Kulissen waren die Verantwortlichen offenbar noch nicht so weit, was auch von meiner Seite zu heftiger Kritik führte.
Zwei homophobe Charaktere
Was mussten wir Zuschauende uns von der homophoben Figur Christoph Saalfeld in den letzten Monaten alles gefallen lassen! Beinahe jeden Monat hatte er seinen Sohn Boris auf menschenfeindliche Weise beleidigt und ihn sogar aus der Familie verstoßen. Die homophobe Einstellung hatte er auch Boris Schwester Annabell vererbt, die liebend gerne über den – vor seinem Outing – Lieblingssohn hetzte.
Das Publikum war jedoch alles andere als homophob: die Mehrheit liebte Boris und Tobias. In Kommentaren unter den Sturm der Liebe – Folgen sowie auf den dazugehörigen Social Media – Kanälen war immer wieder betont worden, wie sehr das Paar die Fans berührte und dass diese sich gerne die beiden oder andere gleichgeschlechtliche Figuren als neues Traumpaar gewünscht hätten.
Liebe auf inszenatorischer Sparflamme
Leider gab es für beide Männer keine große Liebesszene – vermutlich wegen befürchteten Kritiken aus dem erzkonservativen Lager. Das höchste der Gefühle waren ein paar Küsse, die eher als Schmatzer durchgingen, während heterosexuelle Rollenpaare bei ellenlangen Liebesbekundungen in Großaufnahmen gezeigt werden. Ihre erste Nacht verbrachten die Männer in einer Romantikhütte, in der es Viktor und Alicia zuvor getrieben hatten. Ganz heterolike mussten Boris und Tobias mit einem Meter Abstand zueinander, einer Bierflasche in den Händen und (natürlich) angezogen übereinander herfallen. Wie sie das geschafft haben, wurde der Fantasie der Zuschauenden überlassen, denn sofort wurde in die nächste Szene übergeblendet. Nach dem seltsamen Szenensprung saßen Tobias und Boris dann plötzlich noch immer (oder schon wieder?) angezogen am Frühstückstisch. Wow, was für eine tolle erste Liebesnacht! Von stürmischer Liebe war da ja rein gar nichts zu erkennen...
Immer wieder gab es solche Momente, wo die Liebe auf inszenatorischer Sparflamme gehalten wurde. In Folge 3084 beispielsweise hatte sich das Paar wieder versöhnt, nachdem sich Tobias einige Stunden zuvor halb im Off getrennt hatte. Doch statt übereinander herzufallen, wie es die dutzend anderen Haupt – und Nebenfiguren in mehr als dreizehn Jahren Sturm der Liebe – Zeit taten, lagen sie wieder einmal angezogen und mit einer Bierflasche in der Hand nebeneinander auf dem Sofa... Wer im Köpfchen nicht ganz helle ist, konnte gar meinen, die beiden wären lediglich Freunde gewesen, so gingen sie doch zusammen zu Feuerwehreinsätzen, fuhren Motorrad oder verbrachten ihre Abende zuhause. Händchenhaltend wurden sie so gut wie nie gezeigt und eine öffentliche Liebesbekundung gab´s auch nur, wenn die Lobby des Fürstenhofs fast leer war...
Nicht weiter ausgeführte Handlungsstränge
Darüber hinaus wurden einige Handlungsstränge nicht weiter ausgeführt, wie Boris Saalfelds Ex – Freund Justus, mit dem er in
Berlin zusammengewohnt und den er gegenüber seinem homophoben Vater stets
als Mitbewohner, statt als Lebensgefährten ausgegeben hatte. Diese Figur wäre
überaus interessant gewesen und hätte für neue Geschichten gesorgt, so hätte er
sich in die Beziehung mit Tobias einmischen und gemeinsame Sache mit Christoph
machen können. Das Outing von Tobias wurde im Off gezeigt, hier hätten
Gastdarstellende ebenfalls für frischen Wind sorgen können. Lediglich während
der Hochzeit wurden seine Eltern durch stumme Rollen dargestellt. Besonders
befremdlich war es, wie strahlend diese Christoph begrüßt hatten – obwohl
ihnen dessen Abneigung gegen Homosexuelle bestens bekannt war.
Auch die Erpressung von Flirtcoach Alejandro, die Xenia beendet hatte, hätte zu
einem späteren Zeitpunkt noch einmal thematisiert werden können. Nach dem Mord
an Beatrice Hofer durch Susan Newcombe hatte sich das ehemalige Biest
ebenfalls als homophob erwiesen, da sie Boris mit seiner sexuellen Orientierung
erpresste. Seltsam war auch der
kurze Auftritt von Boris´ Exfreundin Vivian. Ein großer Knall war da
ausgeblieben und so schnell sie aufgetaucht war, so schnell reiste sie auch
wieder ab.
Positiv habe ich die Beziehung zwischen Boris und seiner Mutter, Xenia
Saalfeld, erlebt, der ihr nach zwanzig Jahren gezwungenen Fernbleibens
verziehen hatte. Xenia hatte nach Tina als erste von Boris´ Homosexualität
erfahren und sich überaus tolerant gezeigt. Anders als Christoph war sie sehr
offen und hieß Tobias in ihrer (kaputten) Familie Willkommen. Abgesehen von
ihrem zwiespältigen Charakter – immerhin hat sie Alicias Baby und Joshuas
Adoptivvater auf dem Gewissen – wurde Boris´ Mutter in ihren gemeinsamen Szenen
als fürsorglich dargestellt.
Christoph dagegen war stets ein homophober Ignorant, der Alicia kurz vor dem
Ende der vierzehnten Staffel gebeichtet hatte, dass er als Jugendlicher von
seinem Fußballtrainer unsittlich berührt worden war. Ob diese Aussage jedoch
wirklich stimmte oder nur dazu diente, sie weiter an sich zu binden, bleibt
unklar. Schade, denn der damalige Fußballtrainer hätte für ein anstehendes
Spiel doch gerne einen Halt im Hotel Fürstenhof einlegen und Christoph auf
diese Weise mit seiner (angeblichen) Vergangenheit konfrontieren können.
Im Anschluss an die durch Xenia beigebrachte Vergiftung von Tobias (die nicht aus Homophobie geschehen war, sondern damit sie ihrem Ex – Mann die Tat anhängen konnte), litt der Freund ihres Sohnes mehrere Wochen unter einem gelähmten Bein. Hier wurde Boris´ Sorge um seinen Partner überaus realistisch dargestellt. Anders wie bei anderen Figuren (beispielsweise Michaels Erblindung und Marlenes Fuß) blieb das Bein des Haustechnikers bis zu seiner Abreise nach Hamburg weiterhin gelähmt. Eine Wunderheilung gab es in seinem Fall leider nicht, weswegen er auch nicht auf seiner eigenen Hochzeit tanzen, sondern nur mit Christoph am Rand stehen konnte.
Abschied von Toris
Die Verlobung fand übrigens schon wieder mit Bier in
einer der Romantikhütten statt – und ganz bayrisch mit Leberkässemmel.
Zumindest hat sich die Ausstattung (wie immer) sehr viel Mühe mit dem Set
gegeben. Die Verlobung an sich war gut inszeniert worden, wie bereits häufiger
bei Sturm der Liebe gesehen, hatte der eine dasselbe geplant
wie der andere. Da es sich hierbei zum ersten Mal um ein gleichgeschlechtliches
Paar handelte, gab das dem Ganzen jedoch eine interessantere Würze.
Nachdem Boris seinen Verlobten einige Folgen später durch Fabien auf die Idee
brachte, als Suchthelfer zu arbeiten, bewarb sich Tobi in Hamburg, wo er sofort
studieren konnte. Weil der Umzug dorthin bevorstand, waren Romy und Tina
besorgt, dass ihre Freunde nicht am Fürstenhof heiraten würden, weshalb Tina
die Standesbeamtin Frau Wiener zu einer Blitztrauung überredete. Wenige Minuten
vor ihrer Hochzeit gerieten Tobias und Boris in einen Streit, weil Tobias auf
ein klärendes Gespräch mit Christoph pochte. Tatsächlich versöhnte sich der
homophobe Vater daraufhin mit seinem Sohn, was für die Figur zwar schön,
aber unlogisch war und vermutlich auf das geänderte Drehbuch zurückzuführen
ist, da
Tobias eigentlich dem Tod geweiht war. Zuvor hatte die für die
Hochzeit zurückgekehrte Alicia bereits auf ihren Ex – Mann eingeredet – dies
hatte sie aber schon über ein halbes Jahr zuvor getan. Dass der von Grund auf
homophobe Christoph, der Tobias vor der Aussprache gar noch mit "die
Braut" abwertete, plötzlich anders denkt und sich nach der Trauung in
Anwesenheit aller Gäste für sein menschenfeindliches Verhalten entschuldigt,
gehört (leider) ins Reich der Märchen. Denkwürdig ist, dass Christoph
mit all seinen Kindern erst auskommt, wenn sie seine räumliche Nähe
verlassen.
Nichtsdestotrotz wurde die Folge 3104 der gleichgeschlechtlichen Hochzeit gewidmet. Als Besonderheit kann hier erwähnt werden, dass nach einigen Jahren endlich mal wieder mehr von den Feierlichkeiten zu sehen war, als bei den letzten Staffelpaaren, wo die Hochzeit nur einen kleinen Teil ausgemacht hatte. Tobias und Boris bekamen in dieser Folge viel Screentime und in das ungewöhnlich dekorierte Set war eine Menge Hingabe geflossen, da versucht wurde, mit Schwarzweiß – Farben und schlichter Dekoration neutral zu wirken und bewusst kein Klischee zu bedienen. Andererseits sollten die Farben das altertümliche Denken kritisieren. Einen Hieb auf die konservative Gesellschaft gab es obenauf sogar mit der ebenfalls schwarzweißen Hochzeitstorte, die innen einen Kern aus Regenbogenfarben besaß. Beim Aufschneiden entfaltete sich daraus ein Herz, was zumindest ein deutliches Statement der Crew setzte und wirklich gelungen war. Generell fand ich die Darstellung der Hochzeit überaus anregend, was mich in einigen meiner Kritikpunkten ein wenig besänftigt hat.
Tod nach der Hochzeitsnacht
Kurz danach ritten Alicia und Viktor zu genau jenem Platz, an dem Viktor seiner Traumfrau ein halbes Jahr zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte und wo diese ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete. Besonders in dieser Szene merkte man den Aufwand, den das Sturm der Liebe – Team betreibt, da der Pavillon aus der damaligen sommerlichen Szene noch einmal im Schnee aufgebaut und eine ähnliche Kameraperspektive eingenommen wurde. Das Traumpaar der vierzehnten Staffel war also aus drei Gründen zurückgeholt worden: die Hochzeit von Boris, Alicias Schwangerschaft und Xenias Tod. Der kurze Auftritt der beiden war durchaus sehenswert.
Die Hochzeitsnacht verbrachten Boris und Tobias erneut angezogen und mit einem Meter Abstand zueinander... Gemeinsam schauten sie aus dem Fenster der Romantikhütte – nun dem Anlass entsprechend mit Sekt in der Hand. Andere Paare hatten sich an dieser Stelle durch die Betten gerollt. Spannender als jene Hochzeitsnacht war es im Krankenhaus, wo Xenia Annabelle als Geisel nahm, wodurch sogar kurz ein SEK – Einsatzkommando gezeigt wurde. Xenia gelang im Off die Flucht, sodass sie ihre Tochter zu Joshuas Arbeitsplatz führen konnte, wo sie ihr unter die Nase hielt, dass Christoph nicht ihr leiblicher Vater ist. Wer bis dahin keine Spoiler gelesen hatte, war überrascht von dieser Wendung. Annabelle ermordete ihre Mutter daraufhin kaltblütig, was uns wieder ein paar Folgen mit Kriminalhauptkommissar Meyser bescherte. Xenia´s Tod wurde dramatisch inszeniert, der Schuss wurde nicht gezeigt, stattdessen auf die in der Nähe befindliche Denise und einen Baum mit Krähen übergeblendet. Danach stieg die Kamera von der sterbenden Xenia aus der von Krähen umkreisten Hütte bis in den Himmel hinauf. Diese Bildmontagen wurden optisch ansprechend produziert.
Fazit
Neben mir finden es auch andere Zuschauende überaus
schade, dass die homosexuelle Geschichte im Sturm der Liebe jetzt
ein Ende hat. Die konservativen Fans und Verantwortlichen dürften sich nun
freuen, weil sie keine spärlichen "Liebesszenen" zweier
biertrinkender Männer mehr mitansehen müssen – dass die queere Community aber
seit 2005 heterosexuellen Liebesschwüren beiwohnt, scheint dabei niemanden zu
interessieren.
Mit dem Fortgang von Tobias und Boris verliert Sturm der Liebe ein
besonderes Merkmal, welches die Serie moderner machte. Sollte die Telenovela
noch einmal verlängert werden (bis jetzt wurde sie das nicht), wünsche ich mir,
dass es in Zukunft ein schwules oder lesbisches Staffelpaar geben wird – doch
es ist nicht absehbar, dass eine gleichgeschlechtliche Thematik überhaupt noch
einmal vorkommen wird. So bleibt der Sturm leider (wieder) bloß den
heterosexuellen Figuren vorbehalten...
Erfahre hier, weswegen ich die Karpaten – Geschichte 2019 langweilig fand!
