Meine Erfahrungen mit dem Tod
Lesende fragen sich vielleicht, ob Schreibende, in deren Geschichten Lebewesen sterben, selbst Erfahrungen mit dem Tod haben. In diesem persönlichen Beitrag schildere ich meine eigenen mit dem Thema und beantworte die Frage, ob ich schon mal jemanden sterben gesehen habe.

Spoilerwarnung: Weil ich in diesem Beitrag näher auf die Handlung von Cryptal City, The Maniac Street - Band 1 und Band 2 sowie Depressiva eingehe, solltest Du nicht weiterlesen, wenn Du die Bücher noch nicht kennst.
Als freiberuflicher Autor, der noch dazu hauptsächlich im Horror -/ Thriller - und Mystery - Genre schreibt, habe ich bereits etliche Geschichten erfunden, in denen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere gestorben sind. In meinem allerersten Buch, Cryptal City - Vier Jugendliche gegen eine Stadt, habe ich den Tod schon im Prolog für gleich acht Personen vorgesehen. Dies sollte später als Aufhänger zur Geheimnisaufdeckung durch die Heranwachsenden dienen. In der Hauptgeschichte starb dann noch relativ früh eine größere Rolle - alle diese und die in späteren Kapiteln sterbenden Figuren fielen einem Mord zum Opfer. In meiner Kurzgeschichtensammlung The Maniac Street wurden neben einem Hund (Geschichte Strom ist gefährlich aus Band 1) einige Kleintiere (Geschichte Die Maus aus Band 2) getötet. In meinem ersten Kurzroman Depressiva behandelte ich u.a. das Thema Suizid und in so manchen Maniac Stories quälte und tötete ich weitere Menschen und Tiere.
Das war allerdings alles Fiktion, wodurch es zumindest wenig mit meiner Realität zu tun hatte. Nach einem tatsächlich ereigneten tragischen Ereignis habe ich lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben sollte. Weil ich meine Erfahrung mit dem Tod jedoch für Lesende interessant fand, entschied ich mich dafür. Aber erst einmal von vorne:
Meine erste Berührung mit dem Tod
Im Frühjahr 1998, als ich gerade einmal vier Jahre alt war, piepte abends der Anrufbeantworter meiner damaligen Erziehungsberechtigten. Ich hielt mich in deren Schlafzimmer auf, wo sich auch der AB befand und hörte darüber die Stimme der Mutter meines Erzeugers, die uns über das Ableben meiner Uroma informierte. Auch wenn ich noch so jung war, verstand ich gleich, dass diese Nachricht bedeutete, sie nie wieder zu sehen. Ich hatte mich gerne bei ihr aufgehalten und nutzte bis zu meiner Pubertät einen von ihr geschenkten Teddy zum Kuscheln und Einschlafen. Heute habe ich leider nur noch wenige Erinnerungen an sie und kann nicht einmal mehr sagen, ob ich zu ihrer Beerdigung mitgenommen worden war. Ihr Tod stellte meine erste Berührung mit dem Thema dar. Ende 2003 erreichte mich dann in der einen Raum weitergelegenen Küche die Nachricht, dass mein in Kanada lebender Onkel dem Krebs erlegen war, was mich sehr traurig stimmte, da ich an diesen mehr Erinnerungen besaß, er mich in dem Dorf, in dem ich aufwachsen musste, einige Jahre zuvor besucht hatte und wir über das Telefon und Briefe mehrmals pro Jahr Kontakt gehalten hatten.
Die erste tierische Berührung mit dem Tod hatte ich ebenfalls um die Jahrtausendwende herum, als die im selben Zimmer in einem Aquarium gehaltenen Goldfische gestorben waren, hieran habe ich allerdings ebenfalls kaum noch Erinnerungen. Eines Tages waren sie einfach weg. Besser erinnere ich mich dagegen (leider) an zahlreiche Fliegen, die durch Fliegenklatschen umkamen. Manchmal waren diese nicht nach ein oder zwei Schlägen tot, weswegen damit mehrfach auf sie eingeschlagen wurde. Besonders nah ging mir als Kind das Ableben meines Meerschweinchens, welches ungefähr 2005 auf meinem Schoß starb. Kurz zuvor war es durch seinen Appetitverlust geschwächt gewesen und als ich dann abends ein paar Minuten alleine darauf aufpassen sollte, es auf meine mit einem Handtuch bedeckten Beine nahm und sanft streichelte, begannen plötzlich alle seine Muskeln zu zucken. Sofort rief ich nach meiner im Erdgeschoss befindlichen Erzeugerin, die sich beeilte, die Treppe hochzulaufen, doch es war bereits zu spät: mein Meerschweinchen war auf meinem Schoß gestorben und sollte im Garten ein kleines Grab erhalten.
2009 starb schließlich meine über alles geliebte Oma, jedoch nicht zuhause, wo ich mich zu diesem Zeitpunkt befand, sondern im städtischen Krankenhaus ein paar Kilometer entfernt. Obwohl ich kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag stand, wurde mir der Grund für ihren Tod verheimlicht. Angeblich war sie wegen ihrer offenen Beine ins Krankenhaus gekommen und dort fünf Tage später mit bloß 77 Jahren einfach gestorben. Ihr Verlust sollte mich ziemlich mitnehmen, einerseits ihretwegen, andererseits weil ich in ihrem Haus gelebt hatte und mit ihrem ungeliebten Schwiegersohn und ihrer Tochter - zwei Tyrannen - fortan alleinbleiben musste. Vier Tage danach, am Tag ihrer eilig veranlassten Beerdigung, brachen dann alle Verwandten den Kontakt zu ihren Hinterbliebenen - und damit auch mir - ab.
Direkter Kontakt mit dem Tod
Von dem - bis auf mein verstorbenes Meerschweinchen - indirekten Kontakt kam ich 2012 erstmals in den direkten Kontakt mit dem Tod. Meine allererste Katze musste sich wegen eines zu spät diagnostizierten Tumors im Bauch leider wochenlang zuhause damit herumquälen, wo sie unkontrolliert Urin verlor. Als ich sie mit meiner neuen Familie in die tierärztliche Praxis brachte, konnte die Veterinärin nichts weiter tun, als sie einzuschläfern. Erneut war ich am Boden zerstört, da ich elf Monate lang eine tiefe Bindung zu ihr aufgebaut hatte. Obwohl es mir schwerfiel, wollte ich ihretwegen dabeibleiben, statt sie in dem unbekannten Raum mit dem fremden Personal alleine zu lassen. Leider hatte die Tierärztin irgendeinen Fehler bei der im Fachjargon genannten Euthanasie begangen, weswegen meine Katze in meinen Armen einen langen, lauten und qualvollen Tod sterben musste. Entweder war ihr das tödliche Mittel direkt injiziert worden, statt sie zuerst zu betäuben, wie es eigentlich vorgeschrieben ist oder ihr war eine falsche Dosierung verabreicht worden. Nicht nur ihr Verlust hatte mich geschockt, sondern auch die unwürdige Art ihres Ablebens.
Nach diesem Drama sollten die nächsten Jahre glücklicherweise erst einmal keine Todesfälle mehr auf mich warten. So entstanden meine ersten 15 Bücher und einige der danach erschienenen, deren Rohfassung bereits fertig war, ohne aktuelle Gedanken an ein verstorbenes Familienmitglied. Die Ideen und genauen Beschreibungen der menschlichen Tode beruhten dabei teilweise auf meinen Verlusten, wodurch ich insbesondere die Trauerszenen in meiner Romantrilogie authentisch beschreiben konnte. Die tierischen Todesszenarien beruhten dagegen meist auf offen bekannten Missständen, denen ich in der Massentierhaltung begegnet war (nicht umsonst ernährte ich mich schon ab 2007 vegetarisch), sowie häufig auf Ängsten, meine noch vorhandenen Tiere zu verlieren. Erst danach sollte ein weiterer letzter Gang in die tierärztliche Praxis anstehen. Dieses Mal entschieden wir uns bewusst für eine andere und begleiteten unseren lungen - und herzkranken Hund über die Regenbogenbrücke, wobei dieser den Weg wenigstens schneller und augenscheinlich humaner beschreiten durfte. Auch hier nahm mich der Tod wieder sehr mit, der wie bei meiner Katze zuvor mit einigen Schuldgefühlen einhergegangen war. Danach beschloss ich, für eine Weile keine Geschichten mehr zu schreiben, in denen ein Tier ums Leben kam, weil mir das zu nah an meinen eigenen Erlebnissen war.
Nach einer gewissen Zeit schrieb ich jedoch weitere Handlungen, in denen neben Menschen erneut Tiere gequält und getötet wurden, wobei es mir hauptsächlich wieder um das Aufzeigen von Missständen in der realen Welt ging, zu deren Aufdeckung ich mich seit Beginn meiner Autorentätigkeit verpflichtet fühle. Manchmal möchte ich einem Teil der Lesenden damit auch einen Spiegel vorhalten, da das Fleisch auf ihrem Tisch oft nicht wirklich in Verbindung mit einem vormals lebendigen Lebewesen gebracht wird (Karnismus). Bis dahin hatte ich in meinem eigenen Leben selbst ausschließlich Tiere auf ihrem letzten Weg begleiten müssen, aber dass ich ein paar Jahre später auch einen Menschen sterben sehen sollte, hätte ich natürlich nicht gedacht.
Augenzeuge bei einem tödlichen Unfall
Es war im Sommer 2024, ausgerechnet am Geburtstag meiner zu diesem Zeitpunkt bereits über vierzehn Jahren verstorbenen Oma, als ich mich an einem Sonntag nach einem kurzen Ausflug gutgelaunt auf den Heimweg begeben wollte. Wenige Blöcke vor meinem Zuhause sah ich dann plötzlich, wie ein silbernes Fahrzeug langsam aus einer Seitenstraße bog und beim nächsten Hinschauen, wie ein schwarz - gelb gestreiftes Motorrad auf dem Asphalt ins Schlingern geriet. Ich befand mich etwa 100 Meter entfernt und musste mitansehen, wie der Fahrer gegen eine Verkehrsinsel prallte, wie diese aus ihrer Verankerung gerissen wurde und wie er nach seinem Motorrad auf der Straße landete. Sofort wählte ich den Notruf, viermal sogar, aber erschreckenderweise hob einfach niemand ab. Kurz danach kam ein in der Nähe befindlicher Polizeiwagen angefahren, dessen Beamten erste Hilfe leisteten. Da sich der Fahrer nicht rührte, ahnte ich Schlimmes, hoffte aber das Beste für ihn. Aus Respekt und weil ich erst wenige Wochen zuvor selbst einen Rettungswagen benötigt hatte, entschied ich mich zum Verlassen des Unfallortes. Noch am selben Abend wurde im Internet über den Tod des Motorradfahrers berichtet, der dort verstorben war.
Dieses Ereignis machte mich sehr betroffen, schließlich hatte ich das Unglück beinahe hautnah miterlebt und war in der Nähe gewesen, als der Mann seine letzten Atemzüge getätigt hatte. Bei meiner späteren polizeilichen Aussage erfuhr ich dann, dass er Herr T. hieß und geklärt werden musste, ob es sich bei dem Ereignis um einen Verkehrsunfall oder wegen des Involvierens eines PKWs um eine fahrlässige Körperverletzung handelte. Einen Zusammenstoß oder ähnliches hatten jedoch weder ich, noch andere zugegen gewesene Personen beobachtet, dafür hatte ich aber den Grund für den Unfall nicht selbst mitbekommen, weil ich in diesem Moment auf den Gehweg geachtet und natürlich nicht gewusst hatte, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde. Das, was ich gesehen habe, hätte ich mir allerdings gerne erspart.
Der leere Stall
Wie ich erst vor einem halben Jahr berichtete, starb im November 2024 ein weiteres Tier. Dieses Mal nicht mein eigenes, sondern ein in der Nähe lebendes Pferd. Zu diesem hatte ich mehr als zwölf Jahre lang einen engen Kontakt, da seine Weide zahlreiche meiner Spaziergänge kreuzte. Darüber hinaus ist es ein besonderer Ort für mich, weil u.a. rundherum private Videos entstanden, auf denen später zwei meiner Bücher basieren sollten. Auch die Idee einer Geschichte aus dem ersten Band der Maniac Stories wurde am nahen See geboren. Wenn ich den Wallach namens Lancelot - erst mit einem Artgenossen, wenige Jahre später alleine - im Stall stehen sah, blieb ich am Zaun stehen, winkte ihm zu, leistete ihm beim Grasen Gesellschaft oder streichelte ihn behutsam, wenn er hinausdurfte.
In den Folgejahren wurde er jedoch immer seltener auf die Weide gelassen und verlor am Anfang seines letzten Lebensjahres sogar massiv an Gewicht. Danach ging es ihm allerdings wieder besser. Einige Male brachte ich ihm Möhren vorbei, wodurch wir zu Freunden wurden. Unsere letzte schöne Begegnung, bei der sich das Pferd nach Wochen wieder auf der Weide aufhielt, fand am 06. Oktober, dem Erntedankfest, statt. Bei meinem Weihnachtsspaziergang entdeckte ich dann zum ersten Mal seit über 12 Jahren, dass der Stall leer war. Im Sommer 2025 trat ich mit den Besitzenden in Kontakt, die mir neben seinem Namen auch verrieten, dass es mit 27 Jahren gestorben war. Fortan am leeren Stall vorbeizugehen, ist für mich mit vielen wehmütigen Erinnerungen verbunden.
Fazit und was sich durch meine Erlebnisse verändert hat
Wie bereits erwähnt, bestanden die Todesszenen meiner ersten Geschichten aus rein fiktiven Elementen oder aus Missständen, die mir nicht selbst widerfahren waren. Durch meine Erlebnisse lasse ich als Autor nun ganz automatisch hin und wieder einige Details aus meinem realen Leben einfließen und versuche dadurch auch die ein oder andere Begebenheit zu verarbeiten. Jedoch möchte ich innerhalb meiner Werke bewusst die Realität mit der Fiktion vermischen, statt reale Ereignisse eins zu eins zu behandeln.
Privat hat mich der rätselhafte Verlust meiner Oma, das Begleiten meiner sterbenden Tiere, das unfreiwillige Mitansehen des Unfalls und der Tod meines Pferdefreundes nachdenklicher gemacht. Die hier geschilderten sowie einige weitere Ereignisse haben mir vor Augen geführt, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist und dass unser Leben von einer Sekunde zur nächsten plötzlich vorbei sein kann.
