Archiv: Wie die Winkefrau einen Namen bekam

27.12.2018

Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 27.12.2018 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen.

Bestürzt habe ich im Sommer festgestellt, dass eine Nachbarin von mir gestorben ist. In meinem nachdenklichen und esoterischen Beitrag berichte ich nicht nur über sie und ihre Erscheinung nach ihrem Tod, sondern rufe darin auch zu mehr Achtsamkeit auf.

Eine Nachbarin, die ich stets die Winkefrau nannte, weil sie mir immer zuwinkte, wenn sie mich sah, ist im Hochsommer 2018 gestorben. Was erst eine Vermutung war, hat sich noch am selben Tag als bittere Wahrheit bestätigt...

Veränderungen am Haus

Schon einige Wochen zuvor, als ich an ihrem Haus vorbeigegangen war, hatte ich ein paar alte Möbel bemerkt, die in ihrem Vorgarten standen. Anfangs hatte ich mir nichts dabei gedacht, denn irgendwann entrümpelte ja jede Person einmal... Ich hatte auch nicht nach oben (sie wohnte im zweiten Stock) gesehen, weil eben alles so alltäglich und gewöhnlich war. Als ich zwei Wochen später in meine Straße einbog, sah ich von weitem drei Personen, die vor dem Haus standen. Eine identifizierte ich als meine Nachbarin, die komplett in weiß gekleidet war. Nur einen Tag später, als ich wieder an ihrem Haus, welches eine Straße weiter lag, vorbeiging, waren noch mehr Möbel nach draußen geräumt worden. Nun erst sah ich hoch zu ihrer Wohnung und war verwundert, dass alle Fensterläden hinuntergelassen worden waren.

Ich ging von der Straße aus um das Haus herum und entdeckte immer mehr kleine Dinge, die vom Alltagsgeschehen abwichen. Der Spiegel zum Beispiel, den sie an ihrem Küchenfenster montiert hatte, um zu sehen, was draußen vor sich ging, war verschwunden. Ihre Balkonpflanzen ebenso. Der selbstgebaute Pavillon im Garten war abgerissen worden – rund eineinhalb Monate zuvor hatte ich noch mit ihr davorgestanden. Dabei hatte sie erzählt, dass ihr Enkelsohn mal ein paar Dielenbretter austauschen würde und sie es nie übers Herz bringen könnte, ihn abreißen zu lassen. Die Tatsache, dass er nun doch weg war und auch alle ihre Pflanzen, um die sie sich stets liebevoll gekümmert hatte, aus dem Garten verschwunden waren, ließen mich erst an einen Umzug in ein Altenheim denken. Vielleicht war die Einundachtzigjährige unglücklich gestürzt. Doch normalerweise war sie noch körperlich fit, fuhr öfter mit dem Rad zum Friedhof, um das Grab ihres verstorbenen Mannes zu pflegen, erledigte die Einkäufe mit dem Auto und jammerte in meiner Anwesenheit nicht ein einziges Mal über Schmerzen.

Die Suche nach Antworten

Der nächste Verdacht war umso schrecklicher, weil endgültig: vielleicht war sie gestorben. Konnte das möglich sein? Ich hatte sie doch einen Tag zuvor von meiner Straße aus noch gesehen – oder geglaubt gesehen zu haben. Da ich keinen engeren Kontakt zu ihr hatte, sondern wir nur hin und wieder ein Schwätzchen hielten, wusste ich nicht einmal ihren Vornamen. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und nach Antworten zu suchen. Dazu ging ich nach Hause, wo ihren Nachnamen und ihre Straße im Online – Telefonbuch eingab. Das Ergebnis: kein Eintrag. Ich suchte nach Todesanzeigen, schnappte mir die Wochenzeitung – Fehlanzeige. Ich bat die Engel um ein Zeichen, um zu erfahren, was genau passiert war. Eine halbe Stunde später ging ich erneut zu ihrem Haus, als eine andere Nachbarin, die sich in ihrem Alter befand, aus einem Auto ausstieg. Innerlich bedankte ich mich bei den Engeln für die schnelle Reaktion und fragte die Zurückgekehrte nach der Seniorin. Sie teilte mir mit, dass sie vor drei Wochen gestorben war. Mitten in der Hitzeperiode war sie in ihrem Garten tot umgefallen.

Ich war bestürzt! Zwar hatte ich sie nicht gut gekannt, kurz vor ihrem Tod hatten wir aber noch einmal miteinander gesprochen. Drei Wochen war eine nicht gerade kurze Zeit, doch ich hatte bis dahin nichts von ihrem Ableben mitbekommen. Nun erfuhr ich auch ihren Vornamen: Waltraud. Ich erkundigte mich, was mit ihrer Katze geschehen war. Hatte der Enkel sie zu sich genommen? Leider nicht, denn die Nachbarin erzählte mir, dass diese im Tierheim gelandet war. Ihr hinterbliebener Enkel hatte selbst eine Katze, die sich mit ihr nicht vertrug. Auf der Webseite des Tierheims suchte ich nach ihr, fand sie aber nicht, weshalb ich dort anrief und erfuhr, dass sie wahrscheinlich doch jemand aus der Familie aufgenommen hat.

Auf Grabsuche

Ich machte mich auf den Weg zum Friedhof, um nach ihrem Grab zu suchen, als ich zuvor eine direkte Nachbarin von ihr traf und sie auf ihren Tod ansprach. Sie wohnte in dem danebenliegenden Haus und erzählte mir, dass ihr Mann es war, der sie morgens gefunden hatte. Ich teilte ihr mit, dass ich auf der Suche nach ihrer Ruhestätte war. Laut ihrer Kenntnis hatte die Verstorbene ein Urnengrab erhalten. Obwohl ich den Friedhof einige Zeit nach neueren Gräbern absuchte, fand ich ihres nicht. Weil so etwas immer am Wochenende geschieht – in meinem Fall an einem Sonntag – musste ich bis zum nächsten Tag warten, ehe ich am Friedhofsamt anrufen konnte, um die genaue Grabstelle zu erfahren. Da ich das Grab ihres Mannes ebenfalls nicht gefunden hatte, war es wahrscheinlich, dass sie in einem Familiengrab beerdigt worden war. Nach der Auskunft sucht ich eine Stunde, bis ich die Ruhestätte endlich gefunden hatte. So konnte ich mich zumindest im Nachhinein von ihr verabschieden.

Nachdenkliche Fragen

Ihr Tod hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Ich selbst hatte einige Monate zuvor mit privaten Schicksalsschlägen zu kämpfen und nun war jemand aus der näheren Umgebung tot. 100 Meter Luftlinie in etwa trennten ihr Haus von meinem. Ich stellte mir vor, wie lange sie wohl in ihrem Garten gelegen hatte. Eine Stunde oder länger? Ich stellte mir weitere, nachdenkliche Fragen. Waren zu dieser Zeit vielleicht Kinder vorbeigelaufen? Auf jeden Fall waren Autos an der vielbefahrenen Straße vorbeigebraust. Ich selbst war an diesem Tag nicht an ihrem Haus vorbeigelaufen – aber wie hätte ich reagiert, wenn ich sie in ihrem Garten liegend entdeckt hätte? War es wirklich ein Hitzschlag gewesen oder hatten vorangegangene Erkrankungen eine Rolle gespielt? Morgens war es schließlich noch nicht so heiß wie mittags.

Die meisten Fragen werden vermutlich nie beantwortet werden, umso mehr dachte ich an den Tag zurück, bevor ich von ihrem Tod erfahren hatte. Hatte sie da wirklich vor ihrem Haus gestanden? Von meiner Straße aus hatte es so ausgesehen – es war alltäglich, weil sie sich oft dort aufgehalten und sich um die Blumen gekümmert, ihre Katze gesucht oder mit anderen Passierenden ein Gespräch begonnen hatte. Da sie zu diesem Zeitpunkt bereits drei Wochen tot war und ich später ein männliches Familienmitglied sah, welches ein weißes T – Shirt trug, konnte ich es mir nur so erklären, dass sie auf ihre Möbel und ihr Eigentum geachtet hatte. Ich hatte sie in dem Mann erkannt, der vielleicht ihr Enkel war und natürlich völlig anders aussah. Das war aber nicht abwegig, da Verstorbene oftmals für kurze Zeit die Gestalt eines anderen Menschen annehmen. Heute bin ich mir sicher, dass sie zugleich auch ihren Hinterbliebenen Trost spenden und vielleicht ein letztes Mal ihre Augen durch die Nachbarschaft schweifen lassen wollte.

Fazit

Obwohl ich keinen näheren Kontakt zu der Winkefrau namens Waltraud gepflegt hatte, ging mir ihr Tod nahe. Vielleicht wollte sie keinen engeren Kontakt, weshalb sie mich nicht in ihr Haus auf eine Tasse Tee einlud und vielleicht wusste ich deshalb nicht einmal, dass sie Waltraud hieß. Vielleicht hätte aber auch ich einen Schritt auf sie zugehen und sie danach fragen sollen. Im Internet erfuhr ich später, dass ihr Mann drei Jahre zuvor gestorben war – er musste nach irdischer Zeit nicht allzu lange auf seine Frau warten.

Wenn ich jetzt an ihrem Haus vorbeilaufe, sind die Fensterläden weit geöffnet. Sie geben den Blick auf eine leergeräumte Wohnung frei. Besonders in der Weihnachtszeit merke ich, dass sie nicht mehr da ist, weil sie stets im Oktober Lichterschläuche angeschaltet hatte, die bis Februar die Dunkelheit erleuchteten. Hatte ich mich früher über die zu frühe Beleuchtung geärgert, vermisse ich sie jetzt. Die Blumen und Nutzpflanzen, um die sie sich jahrzehntelang gekümmert hatte, sind längst verschwunden. Aber nicht alle, denn in meinem Garten stehen kleine Erdbeerpflanzen, die sie mir im Vorjahr geschenkt hatte und die ich nun besonders in Ehren halten werde.

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