Archiv: Was wir von Disneys "Schneewittchen" lernen können

13.05.2019

Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 13.05.2019 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen.

Spoilerwarnung: Menschen, die den Film noch nicht gesehen haben und dessen Ende noch nicht kennen, sollten nicht weiterlesen.

Im Internet finden sich zahlreiche (abstruse) Theorien zu dem Disney – Film Schneewittchen von 1937. Nachfolgend soll es um die Charaktere selbst gehen, die ich ein wenig analysieren möchte.

Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm von Walt Disney wurde bereits 1937 veröffentlicht und steckte vier Jahre in der Produktion. Die ersten Zeichnungen daran entstanden also schon 1933, die Vorlage selbst stammt von den Gebrüdern Grimm und wurde 1812 veröffentlicht. Demnach liegen zwischen der Buchveröffentlichung und dem ersten animierten Zeichentrickfilm zu dem Thema über 100 Jahre (!). Im Zeichentrickfilm kommen tiefgründige Charaktere vor, denn Walt Disney kreierte seine Märchenverfilmung vorrangig für Erwachsene. Demnach lassen sich den Figuren viele menschliche Eigenschaften zuschreiben.

Beginnen wir mit

Schneewittchen

Schneewittchen ist die Stieftochter der Königin, die das (namenlose) Land regiert und somit eine Prinzessin. Am Anfang des Films sieht sie aber eher wie das später verfilmte Aschenputtel aus, da sie die Schlosstreppe in einem schmutzigen Kleid putzen muss. Doch schon in dieser Szene wird dem Publikum klar, dass Schneewittchen einen herzensguten Charakter besitzt, weil sie stets liebevoll mit den von ihr umgebenen Tieren (Tauben, Spatzen etc.) umgeht. Schneewittchen wird – wie die meisten wissen – von der Königin alles andere als gut oder menschlich behandelt, weshalb die Waldtiere ihr gewissermaßen eine Zuflucht aus dem Alltag bieten. Sie kann – zumindest gedanklich – aus ihrem tristen Leben ausbrechen und mit den Tieren spielen oder mit ihnen singen. Später, als sie bei den sieben Waldbewohnern ist, wird deutlich, dass sie genauso liebevoll mit ihnen umgeht.

Trotz ihrer schlechten Erfahrung glaubt Schneewittchen an das Gute, weshalb sie auf ihre Stiefmutter hereinfällt, die sie mit einem vergifteten Apfel umbringen will. Das junge Mädchen ist keinesfalls naiv, wenn sie die strahlend rote Frucht von der verwandelten Alten entgegennimmt, denn sie vermutet einfach nichts Böses hinter dieser Geste. Darüber hinaus glaubt sie an die große Liebe, die sie später schließlich in dem Prinzen findet. Vielleicht spürt sie, dass es diesem nicht nur um äußere Werte geht, denn sein Herz hat begonnen für sie zu schlagen, als ihres aufgrund des Apfels stoppte.

Der Jäger

ist finanziell von der Königin abhängig, weil sie ihm seine Dienste gut bezahlt. Meist drehen sich diese darum, Rehe im Wald zu erschießen, damit die Herrscherin ein Festmahl genießen kann. Ihr neuester, bitterböser Auftrag – der vorsieht, Schneewittchen zu töten – lässt ihn deshalb mit seinem Gewissen hadern und erst einmal Einwände hervorbringen, ehe er von seiner Auftraggeberin mundtot gemacht wird. Zwar bereitet der Jäger alles für die Ermordung der Schönsten im ganzen Land vor, dennoch lässt er sie im entscheidenden Moment fliehen. Er verhilft ihr durch das Laufenlassen der Todgeweihten nicht nur zur Rettung, sondern lügt auch die Königin an, indem er ihr ein anderes als das geforderte Herz ihrer Stieftochter bringt.

Der Jäger ist definitiv ein positiver Charakter, vielleicht hat er bereits auf dem Weg in den Wald gewusst, dass er Schneewittchen nicht umbringen wird und von den Waldbewohnern gehört, die dort leben. Das ist keinesfalls abwegig, da er zum einfachen Volk gehört, welches sich in Arbeitspausen oder nach dem Feierabend gerne Geschichten erzählt. Er könnte durchaus einmal etwas in dieser Richtung aufgeschnappt haben, weswegen er zu wissen vermochte, dass sie in dem nachts furchterregend ausschauenden Wald nicht sterben würde.

Die Königin

ist die Oberflächlichkeit und Bösartigkeit in Person, weswegen sie oftmals nur die böse Königin genannt wird. Sie verfügt im Schlosskeller über etliche Zauberbücher, magische Substanzen und hält dort sogar einen Raben. Um überhaupt in diesen Raum zu kommen, den sie vor dem Schlosspersonal und damit der Außenwelt geheim hält, muss sie an einem Verlies vorbei, in welchem die Skelette von ehemaligen Angestellten und Andersdenkenden liegen. Dass sie jedes Mal, wenn sie einen Zauber wirkt, daran vorbeilaufen muss, zeigt ihre Herzlosigkeit. Sie hat kaum soziale Kontakte, da sie alle Menschen von sich fernhält – ob dies wegen des Todes ihres Mannes (Schneewittchens Vater) oder mit einem anderen Hintergrund zu tun hat, erfahren wir in dem Filmklassiker nicht.

Die böse Königin will selbst die Schönste im ganzen Land sein, weshalb sie auch nicht davor zurückschreckt, ihre Stieftochter – das letzte Überbleibsel ihrer Ehe – ermorden zu lassen. Aber sie will sich anfangs nicht selbst die Hände schmutzig machen, daher beauftragt sie den Jäger, was zeigt, dass sie Schneewittchen bloß als lästiges Übel ansieht. Als sie später vom Zauberspiegel erfährt, dass sie nur kurzzeitig die Schönste war, weil die zum Mord Freigegebene noch lebt, beschließt sie, den unfähigen Jäger in den Kerker zu werfen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nach ihrer magischen Verwandlung in eine alte Frau sucht sie Schneewittchen auf und schenkt ihr einen Apfel. Um ihren Tod zu erreichen, sind ihr selbst einige Komplimente in Richtung ihrer ausgemachten Konkurrentin nicht zu viel, denn sie sagt ihr gegenüber, der Apfel wäre genau so schön wie sie.

Die Königin ist wahrlich eine Hexe. Nicht nur, dass sie sich täglich – wie bei einer Andacht – mit ihrem magischen Spiegel unterhält; nein, sie beherrscht auch die fiesesten Zauber und besitzt Substanzen, die anderen schaden können.

Die sieben Waldbewohner

sind bis auf Brummbär alle liebevolle Charaktere, doch selbst er hat seine guten Seiten, die es nur zu entdecken gilt. Allen gemeinsam ist, dass sie ebenso wie Schneewittchen ein großes Herz haben und sie als Fremde bei sich aufnehmen. Sie stellen sich sogar der bösen Königin in den Weg, obwohl sie ihr – rein körperlich betrachtet – unterlegen sind. Möglicherweise sind sie aufgrund ihrer Größe vom Leben benachteiligt, weshalb sie nicht etwa in der Stadt, sondern abseits von der Gesellschaft hinter den sieben Bergen wohnen. Nichtsdestotrotz weisen die sieben Freunde ähnliche Charaktereigenschaften wie Schneewittchen auf und sind ebenfalls sehr tierlieb, denn sie leben mit den Waldtieren zusammen.

Gewissermaßen sind sie allerdings Eigenbrötler. Sie haben sich von der Zivilisation abgekapselt, weil sie anscheinend von dieser verstoßen wurden und wollen vermutlich auch nicht unter der Herrschaft der Königin leben, weshalb sie sich tief in den Wald zurückgezogen haben und dort ihrem Leben und sogar ihrer Arbeit im Bergbau nachgehen. Wohin sie die abgebauten Edelsteine allerdings liefern, kann dem Film nicht entnommen werden. Logisch wäre nur ein Verkauf in der Stadt, womit sie jedoch indirekt die Machenschaften der Königin unterstützen würden.

Der Prinz

kommt aus einem anderen Königreich, in welchem Schneewittchens Stiefmutter nichts zu sagen hat und in das die Bergarbeiter vermutlich ihre gehobenen Steine verkaufen. Er wirkt sehr menschlich und begibt sich bereits nach der ersten kurzen Begegnung mit dem Mädchen auf die Suche nach der Verschwundenen. Dazu führt ihn seine Suche sogar zu den sieben Bergen, wo die Einsiedler leben. Doch er verurteilt sie nicht, sondern nimmt sie so an, wie sie sind.

Als er später das scheinbar verstorbene Mädchen sieht, verliebt er sich nicht in eine Tote – wie in einigen Theorien behauptet (tot ist sie ja gar nicht) – sondern in ein Mädchen, dass in ihrem jungen Leben so viel Schlimmes hat durchleben müssen und offenbar einem Mord zum Opfer gefallen ist. Er will Schneewittchen helfen, weswegen er sie küsst und nur durch sein reines Herz wacht sie am Ende auf. Der Prinz will sie nicht noch einmal verlieren, will sie beschützen und sein Leben mit ihr verbringen, weshalb er sie am Ende heiratet und ihr seine ewige Liebe schwört.

Die Waldtiere

Auf der spannenden und dramatischen Verfolgungsjagd am Ende des Films wird den Zuschauenden klar, dass die Tiere bedingungs – und ausnahmslos hinter Schneewittchen stehen. Zum Teil wahrscheinlich, weil sie sich stets liebevoll um sie gekümmert hat, zum Teil auch, weil sie ebenfalls einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen. Sie wollen nicht, dass ihr noch einmal etwas zustößt und ahnen, dass die Königin vor nichts zurückschreckt, weswegen sie diese jagen, bis sie schließlich von einem Felsen stürzt.

Dies war auch der letzte böse Zug der Königin, die ihre Verfolger zuvor noch mit einem großen Steinbrocken hatte überrollen wollen. Das Schicksal hat jedoch Gerechtigkeit ausgeübt, weswegen die Felsformation – auf der sie in der Eile stand – einstürzte und sie hinabstürzen ließ. Die Tiere wollten keinesfalls ihren Tod, obwohl sie erleichtert sind, dass die Herrscherin Geschichte ist. Sie wollten ihr lediglich zeigen, dass sie Schneewittchen nie wieder etwas Böses antun darf.

Fazit

Disneys Schneewittchen wurde damals mit sehr viel Aufwand gedreht. Die Verantwortlichen für die Zeichnungen mussten teilweise immer wieder von vorne anfangen, da die Technik so zügig voranschritt, dass einige Szenen von dem als Perfektionisten verschrienen Walt Disney neugedreht werden wollten. In dem Märchenklassiker sind alle negativen menschlichen Emotionen wie Neid, Hass, Missgunst, Gier und Todesrache vertreten, aber genauso auch die positiven wie Liebe, Gutgläubigkeit und Herzlichkeit – kurzum, alles was uns menschlich macht. Vielleicht funktioniert der Film deshalb nach wie vor so gut und zieht neben Kindern auch viele Erwachsene in seinen Bann.

Wir lernen von dem Film, dass es auch in schweren Zeiten einen Ausweg gibt (der Jäger/ die Waldbewohner/ der Prinz/ die Waldtiere) und dass manchmal das Schicksal den Rest zur Veränderung beiträgt (der Plan der bösen Königin ging trotz logischer Schlussfolge nicht auf/ ihr Tod am Ende). Selbst wenn die Königin am Ende nicht gestorben wäre, hätte Schneewittchen ihr vermutlich verziehen, so wie es in anderen Filmversionen vorkommt, da sie keine Rachegefühle kennt. Das beweist, welch großes Herz sie besitzt.

Würde Schneewittchen in der heutigen Welt leben, wäre sie definitiv Veganerin, weil sie keinem Tier Leid antun kann. Sie würde keinen Pelz und kein Leder tragen, würde auf die Umwelt achten, Wege abseits von Social Media aufzeigen und viel Liebe in die Herzen sowie ein erhöhtes Bewusstsein für Ungerechtigkeit in die Köpfe der Menschen bringen. Von dieser Warte aus betrachtet, ist es schade, dass Schneewittchen leider nur ein (gutes) Märchen ist.

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