"Was bleibt": Wie ich den Tod meiner Erzeugerin erlebte

16.07.2026

Noch vor der Veröffentlichung meines persönlichsten Buches erreichte mich die Nachricht über das Ableben meiner Erzeugerin, die mir bis zu meinem Erwachsenwerden übel mitspielte. In diesem persönlichen Beitrag möchte ich darauf eingehen, welche Emotionen und Gedanken die Mitteilung bei mir auslöste - und was von ihr bleibt.

Cover, das unter einem Nachthimmel den Schatten einer Person zeigt, die auf einer Wiese steht und gegen einen Baum lehnt.
Cover zu "Was bleibt"

Triggerhinweis: Nachfolgend wird vielfältiger Missbrauch, Mobbing und der Tod naher Familienangehöriger erwähnt. Solltest Du mit diesen Themen Probleme haben, solltest Du lieber nicht weiterlesen.

In Was bleibt - Die Autobiografie eines Autors zeichne ich eindringlich meine traumatische Kindheit und Jugendzeit nach, die u.a. aus körperlichem, verbalem und sexuellem Missbrauch durch meinen Erzeuger und meine Erzeugerin bestand. Bevor ich auf meine Gedanken zu ihrem frühen Tod eingehe, möchte ich meine negativen Erinnerungen an sie teilen und von ihrem brutalen und berechnenden Umgang mir gegenüber berichten.

Die Gewalt kannte keine Grenzen

Nachdem sie mich mit etwa fünf Jahren nackt zu sich ins Bett geholt hatte, trat sie mich in der Grundschulzeit häufig nach dem Unterricht über den Küchenboden des von ihr bewohnten ersten Stocks und verlangte von mir, die Hausaufgaben zu machen. Ihr wütendes "DU BASTARD!" und "DU WÄRST BEI DER GEBURT BESSER VERRECKT!" - Gebrüll waren in dem hellhörigen Haus ihrer Mutter und auf der halben Straße ebenso deutlich zu hören wie meine Schmerzensschreie. Trotz ihres Mehrgewichtes von 120 Kilo war es ihr möglich, meinen Körper zu traktieren. Dabei ging sie so perfide vor, nur auf jene Stellen einzutreten, die bei kurzer Kleidung von außen nicht sichtbar waren.

Zwar verstand ich mich in der Regel etwas besser mit ihr, als mit ihrem mich ebenfalls verprügelnden und sexuell nötigenden Mann, allerdings wurden ruhigere Phasen immer wieder von ihren Gewaltausbrüchen abgelöst. Nachdem ich mich mit 15 Jahren bei ihr outete, ignorierte sie mich eine ganze Woche lang. Danach kamen neben den nahezu täglich von ihr genutzten Schimpfwörtern "Arschloch" und "Drecksack" auch die allseits bekannten "Schwuchtel" und "Schwule Sau" dazu. Nicht nur, dass sie die homophoben Beleidigungen verwendete, sie verbot mir darüber hinaus meist den Umgang mit gleichaltrigen Jungs oder wenige Jahre älteren jungen Männern. Einmal kam sie zum ersten Treffen mit meinem Exfreund mit - danach wollte sie ihn dank der heimlichen Notierung seines Autokennzeichens anzeigen.

Es ging immer nur ums Geld

Als Kind bekam ich selten Obst, weil es meinen damaligen Erziehungsberechtigten zu teuer war. Das hielt beide jedoch nicht davon ab, ihre Hartz 4 - Leistungen mehrmals pro Monat in örtliche Imbissbuden oder nahen Fast Food - Restaurants zu investieren. Aufgrund der Legasthenie ihres Mannes verwaltete meine Erzeugerin sämtliche Finanzen, darunter auch mein Kindergeld, welches sie für sich verwendete, statt es mir zur Verfügung zu stellen. So musste ich Kleidung häufig von ihnen auftragen - neue, eigene Anziehsachen erhielt ich kaum. Zu festlichen Anlässen fielen die Geschenke in der Regel klein aus, Spielzeug wurde mir oft von Verwandten geschenkt. Da beide im Haus meiner Großmutter lebten, wurde keine Miete fällig, andere Kosten übernahm das Jobcenter. Reichte das Geld nicht mehr, pumpten sie meine Oma an. Ab 2007 sparten sie durch den Besuch der Tafel zusätzlich an den Lebensmittelkosten. Durch ihre Sozialleistungen hatten sie Anspruch auf die Kostenübernahme meiner Schulbücher sowie der meisten schulischen Ausflüge. Dadurch stand ihnen weiteres Geld zur Verfügung, welches sie für sich ausgeben konnten.

Nachdem meine Oma 2009 gestorben war, verschwieg mir ihre Tochter deren Todesursache. Schockiert war ich, dass sie sie trotz ihres zuvor geäußerten Beerdigungswunsches hatte einäschern lassen, um Bestattungskosten zu sparen. Hier wurde mir als Jugendlicher vollends bewusst, dass es ihr und ihrem Mann nur um das Geld ging. Dies wurde von dem Fakt untermauert, dass beide mir auch nichts von ihrem Testament erzählten. Ab 2011 verlangten sie aufgrund meiner Vollzeitstelle neben regelmäßigen anderen Zahlungen sogar 300€ monatlich Miete - dabei wussten sie an diesem Punkt bereits seit drei Jahren, dass meine Oma mir das Haus zu einem späteren Zeitpunkt vermacht hatte.

Kontaktabbruch

Nachdem mich meine Erzeugerin mit 17 Jahren meiner Freiheit beraubt hatte (s. 13. Kapitel), fuhr ich eigenhändig zum Jugendamt. Dieses bot mir jedoch keine adäquate Hilfe an. Wochen später gab sie ihrem Mann gegenüber lauthals zu, mein Zimmer durchwühlt zu haben und nach der von meiner Arbeitsstelle ausgesprochenen Kündigung nicht weiter für mich aufkommen zu wollen. Daneben wusste ich durch eine neue sexuelle Androhung meines Erzeugers, dass meine Zeit dort vorbei war, woraufhin ich bei meinem Freund unterkam.

Nachdem sie mich 2011 nachträglich aus dem Haus meiner Oma hinauswarf, traf sie Vorkehrungen, um mir mein Erbe samt restlichem Eigentum weiter vorzuenthalten und schrieb bitterböse Briefe an meinen Rechtsanwalt. Durch einen von mir angestrebten Sorgerechtsprozess und meine kurz darauf erlangte Volljährigkeit sagte ich mich endgültig von diesen beiden Unmenschen los und brach den Kontakt ab. Auf meinem Archivblog hinterließ mutmaßlich sie einmal einen gehässigen Kommentar. 2015 schrieb ich sie ein einziges Mal an und bat um meine Videokassetten, auf denen sich Bewegtbildmaterial von meiner Oma befand - dieser Brief blieb unbeantwortet. Danach herrschte beidseits wieder Funkstille.

Ein unerwarteter Tod

Ende 2024, kurz nachdem ich Was bleibt erneut korrigiert hatte, erreichte mich ein Schreiben des heimatlichen Amtsgerichts. Ich ahnte gleich, dass es sich dabei um eine Todesmitteilung einer meiner damaligen Erziehungsberechtigten handeln musste. So war es auch, nur stand statt dem eher erwarteten Namen meines Erzeugers der meiner Erzeugerin darin. Dadurch erfuhr ich, dass sie mit nur 52 Jahren verstorben war. Als Anhang war ein von ihr handschriftlich verfasstes Testament beigefügt, in dem sie mich aus ihrem Nachlass ausschloss - was noch einmal einem letzten bösen Akt ihrerseits glich. Da sie auch zuletzt noch vom Bürgergeld lebte, bezog es sich auf ihr Auto, meine Schildkröte (deren Herausgabe sie 2011 trotz eines Gerichtsurteils verweigert hatte) sowie dem Erbe meiner Oma, aus dem sie mich rechtlich gar nicht ausschließen konnte.

Hatte ich nach meinem Rauswurf in den Jahren danach noch regelmäßig Sorge, dass meine Erzeugerin irgendwann vor meiner Tür stehen könnte, hatten sich diese Befürchtungen mit der Zeit verflüchtigt. Stattdessen hielten Gedanken Einzug, wie es irgendwann sein würde, wenn ich vom Tod meiner einstigen Erziehungsberechtigten erfahren würde und fühlte tatsächlich den Wegfall einer gewissen Last. Um meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen zu können, empfehle ich Dir an dieser Stelle meine Autobiografie zu lesen. Für mich sind und waren sie grausame Personen, das sollte sich auch nach dem Tod einer der beiden nicht ändern. Natürlich wäre es für mich oder uns besser gewesen, uns vorher ausgesprochen zu haben, doch es gab beiderseitig kein Interesse an einer Kontaktaufnahme.

Unfreundliche Telefonate und Recherche nach den Todesumständen

Die Amtsmitteilung ließ mich nicht traurig, aber gewissermaßen zwiegespalten zurück. Um die Todesursache zu recherchieren, musste ich wohl oder übel im für das Dorf zuständigen Rathaus anrufen - ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem zugleich das Jugendamt beheimatet war, wo ich nach meiner Freiheitsberaubung vergeblich um Hilfe gebeten hatte. Auch unseren alten Hausarzt kontaktierte ich, von dem ich erfuhr, dass sie dort seit sechs Jahren nicht mehr in Behandlung gewesen war. Also telefonierte ich andere ärztliche Praxen und Krankenhäuser ab, wobei rund 90 Prozent der Telefonate ziemlich unfreundlich verliefen. Die Krone setzte aber die junge Mitarbeiterin des Bestattungsunternehmens auf, die mir in frecher Art mitteilte, dass sie mir ihre Informationen selbst nach einer Ausweislegitimierung nicht geben würde. Lediglich von einem Nachbarn erhielt ich vage Details.

Durch meine Anrufe erfuhr ich, dass meine Erzeugerin eine Feuerbestattung erhalten hatte (jene, die sie 2009 gegen den Willen meiner Oma durchgeführt hatte, s. 9. Kapitel) und ebenfalls auf dem örtlichen Friedhof lag. Gut fand ich aufgrund der Umstände allerdings, dass sie nicht im Grab meiner Großeltern beerdigt worden war. Es sollte etliche Briefe bei verschiedenen Behörden benötigen sowie neun Monate ab der Kenntnis ihres Todes dauern, bis ich den Totenschein erhielt. Neben dem Aspekt einer möglichen Erbkrankheit reflektierte ich allerdings auch das Geschehene. Schon am Abend des Brieferhalts versuchte ich positive Erinnerungen an sie zu finden. Doch die traurige Wahrheit war, dass es nicht viel Positives gab, was ich mit ihr verband:

Was nach dem Tod meiner Erzeugerin bleibt

Einerseits eine (auch dank meiner Oma) üppige Weihnachtsbescherung um die Jahrtausendwende herum, von der damals einige Fotos existiert hatten. Ebenso hatte ich mich über die Meerschweinchen, die sie eines Abends im Jahr 2002 oder 2003 von der Zoohandlung mitgebracht hatte und die nach einigen Goldfischen meine ersten Haustiere gewesen sein sollten, gefreut. Des Weiteren über eine in meinem Schulranzen versteckte und in der Pause gefundene Einladung ins nahegelegene Schwimmbad, die ich meiner Grundschullehrerin überrascht gezeigt hatte. Ein - oder zweimal war sie mit ihrem Mann und mir ins rund 80 Kilometer entfernte Phantasialand gefahren (obwohl sie sich sonst nicht einmal in die 20 Kilometer entfernte Großstadt wagte). Daneben erinnerte ich mich an das gemeinsame Anschauen des ersten Harry Potter - Films zuhause auf Videokassette, seltene Umarmungen nach einer guten Note oder an meinem Geburtstag, samt einiger Kino -, Kinderpark - und Restaurantbesuche. Das war nach 17 1/2 Jahren aber alles, was ich an positiven Erinnerungen an sie hatte.

Der überwiegende Teil dagegen bestand aus negativen, wie dem im Kindergartenalter an mir begangenen Missbrauch. Oder wie sie mich beinahe täglich als "Bastard" und "Hurensohn" (die Bedeutungen dieser Schimpfworte kannte sie sehr gut) bezeichnet hatte. Als wäre das nicht schon genug gewesen, hatte sie meine Geburt häufig verwünscht und mich für ihr Mehrgewicht verantwortlich gemacht. Als Grundschüler war ich ihr nicht einmal 1,60€ für das von mir gerne gelesene, aber nur selten erhaltene Micky Maus Magazin wert gewesen. Zur weiteren Kostenersparnis hatte sie mich als kleiner, schmächtiger Junge die ausgeleierten XL - Shirts ihres Mannes und ihre alten Socken auftragen lassen. Mit meiner Kleidung hatte sie definitiv einen Teil zum Schulmobbing beigetragen. Ich erinnerte mich (wie an vieles andere) noch lebhaft daran, wie sie mich nach meinem schwierigen Outing dazu aufgefordert hatte, mit ihrem Mann - meinem Erzeuger - zu schlafen.

Neben den immer wieder von mir geforderten Geldbeträgen waren weitere negative Erinnerungen wie sie mir nach meiner Kündigung im Hotel 2011 ein Verhältnis mit dem Chef unterstellt und sich an meinem Konto vergriffen hatte. Dazu kam, wie sie meinen Ruf im Dorf und bei den in der Vordereifel lebenden Angehörigen meiner Oma zerstört und Lügen verbreitet hatte, was bis heute zum völligen Kontaktabbruch der kompletten restlichen Verwandtschaft geführt hat. Auch dachte ich daran, wie sie es geschafft hatte, mich fast 18 Jahre lang von meinem Großonkel und seinen Geschwistern fernzuhalten, der nur zehn Minuten Fußweg von mir entfernt gewohnt hatte und den natürlich ebenso eine Mitschuld traf, wie ich in meiner Autobiografie weiter ausführe.

Fazit

Wenn ein Mensch stirbt, ist das allgemein eine traurige Angelegenheit. Wenn aber ein Mensch stirbt, der uns Zeit unseres Lebens übel mitgespielt hat, ist kein großer Raum für Trauer vorhanden. Das war bei meiner unerwartet früh verstorbenen Erzeugerin der Fall. Trotz allem hätte ich mir am Ende gewünscht, die Hintergründe für ihr boshaftes, intrigantes und absolut verwerfliches Verhalten zu erfahren und weshalb sie Zeit ihres Lebens so gewesen war, wie sie war. Doch es gab nichts, nicht einmal einen Entschuldigungsbrief.

In den Jahren unserer Funkstille dachte ich gelegentlich daran, irgendwann vielleicht mal ein einziges klärendes Gespräch zu führen. Ob ich dabei die Wahrheit erfahren oder sie mir weitere Lügen aufgetischt hätte, hätte allerdings auf einem anderen Blatt gestanden. Zwar starb sie eineinhalb Jahre vor der Veröffentlichung meines persönlichsten Buches, dort ging ich allerdings nicht auf ihren Tod ein, weil ich darin nur meine ersten 18 Lebensjahre sowie meine kurze Rückkehr ins Dorf behandeln wollte.

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