Archiv: Streifzug durch die Stadt - Teil 1
Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 25.10.2018 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen.
Begleite mich einmal auf einem Streifzug durch die Stadt und lasse Dir die wahre Armut unserer Zeit vor Augen führen. Hierbei kann jede Stadt anstelle von meine Stadt eingesetzt werden.
Warnung: Lese den Text lieber nicht, wenn Du gute Laune hast.
Als ich mich auf den Weg zu einem Streifzug durch die Stadt begebe, weiß ich noch nicht, dass es mir später schlechter als zuvor gehen wird und ich lieber nicht dorthin gegangen wäre. Eigentlich möchte ich nur etwas erledigen und danach eine Kleinigkeit einkaufen, meine Route wird mich dafür jedoch quer durch die Stadt führen.
Nach fünfundvierzig Minuten habe ich sie erreicht und erledige den ersten Punkt auf meiner Liste. Ich befinde mich nun mitten im Stadtkern. Es ist vierzehn Uhr. Die Schulpflichtigen, die nicht in die Ganztagsschule müssen – oder die das Glück haben, dass zu wenig Lehrkräfte vor Ort sind und frei bekommen haben – besuchen die übliche Fressmeile. Dönerbuden, Bäckereien und Fast – Food – Läden haben bei den Kindern und Heranwachsenden Hochkonjunktur. Es scheint, als würden deren Betreibenden die tagtägliche junge Kundschaft für das Fortbestehen ihre Geschäfte dringend benötigen, da deren ungesunden Angebote fast ausschließlich von Schulkindern genutzt werden. Vor und neben den Läden sitzen und stehen die Armen: Menschen mit kaputter, alter und abgenutzter Kleidung. Ein ungefähr vierzig Jahre alter Mann hält eine Bierflasche in der Hand. Seinem äußeren Erscheinungsbild und der nicht vorhandenen Rasur nach zu urteilen, entspricht er nicht gerade dem gepflegten Bild eines Mannes in seinem Alter. Ein paar Meter hinter ihm sitzt ein jüngerer Kerl, kaum älter als die Schüler, auf dem kalten Fußweg mit einer Decke um die Beine geschlungen und weist mit seinem Kaffeebecher aus Pappe dezent auf ein paar benötigte Cent zum Überleben hin.
Die ersten Schulkinder kommen schon wieder aus dem Fast – Food – Tempel. Ich
sehe sie mir genauer an: Markenkleidung, die zwar zu eng sitzt, dafür aber
gepflegt aussieht. Ich picke mir optisch immer mehr einzelne Teenies heraus und bekomme
schnell ein vielsagendes Gesamtbild: die Mehrheit von ihnen trägt zu viele
Pfunde auf den Rippen. Sie sind schlicht und einfach mehrgewichtig. Bei einer
Mädchenclique lugt lediglich etwas Hüftspeck unter der Kleidung hervor. Ein
etwa Zwölfjähriger dagegen hat doppelt so breite Beine wie ich, die in seiner
Hose regelrecht eingeschnürt wirken. Mit Sicherheit wird er bald eine größere
benötigen, sollte er die Fressmeile noch einige Male besuchen.
Hin und wieder blicke ich in aufgequollene Gesichter, die gerade dabei sind,
einen reich befüllten Wrap und ähnliches zu verdrücken.
Eigentlich würde ich den Ort bereits jetzt gerne verlassen, aber ich muss noch etwas einkaufen. Ich laufe also weiter die Straße hinunter, komme vor allem an Spielhallen und leeren Geschäften vorbei. Zwei Läden hatte ich vor einigen Monaten noch von innen gesehen, nun sind sie geschlossen – wie so vieles in meiner Stadt. Die Außentemperatur beträgt neun Grad, es ist grau und langsam fühlt sich auch mein Inneres grau an. Ich gehe an defekten Straßenampeln und (absichtlich?) umgefahrenen Straßenschildern vorbei. Noch eine Spielhalle. Aus dieser tritt ein junger Erwachsener, der ungefähr in meinem Alter ist. Seine Haut ist blass, seine kahlen Haare werden von einer Kappe verdeckt, seine Augen haben dunkle Ränder. Ich habe diesen Mann schon öfter gesehen, wenn ich ihn auch in diesem Moment nicht zuordnen kann. Er versucht also auf diese Weise, mit seinem wenigen Geld irgendwie über die Runden zu kommen.
Die leeren Geschäfte häufen sich. Verziert werden sie von Graffiti – als wäre die Schmiererei mit fremdsprachigen Schimpfwörtern Kunst und Graffiti nach den Neunzigern noch modern. Aber es scheint einfach nicht auszusterben, besonders in den Armutsvierteln. Genau dorthin führt mich mein Weg – leider. Doch zuvor komme ich an einem Bahnhof vorbei. Dort stehen sechs Personen, die alle eine Bierflasche derselben Marke in den Händen halten. Um sie herum stehen Menschen, die mit einem öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause fahren oder ihre Schicht antreten müssen. Die offensichtlich Alkoholisierten werden von niemandem beachtet. Ich hoffe, sie machen keinen Ärger.
Ein paar Meter entfernt wurden gleich mehrere Geschäfte abgerissen. Die freie Fläche hat einen Zaun erhalten, wie ich bemerke. Der war vor zwei Wochen noch nicht da. Wie ich später herausfinde, wurde er installiert, um Obdachlose und Vandalen von dem Grundstück fernzuhalten. Ein Zaun um ein leeres Stück Erde – ich werde nicht mehr. Menschen, die ohnehin nichts haben, werden ausgesperrt – von einer Fläche, auf der schon lange Zeit nicht einmal mehr Gras wächst.
Weiter geht´s in wenigen Tagen mit dem zweiten und letzten Teil meines Streifzugs durch die Stadt!
