Archiv: Erwartungen an Bücher?
Aufgrund einer negativen Rezension zu Butler Affairs möchte ich in diesem Beitrag über (falsche) Erwartungen an Bücher sprechen und anhand meines dritten Kurzromans aufzeigen, welche Erwartungen Lesende wirklich an ein Buch stellen können.
Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 22.03.2018 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen.
Als ich neulich zufällig über eine negative Bewertung zu meinem Kurzroman Butler Affairs – Jeder hat ein Geheimnis gestolpert bin, war ich sehr überrascht, da die Leserin mit falschen Erwartungen an mein Buch herangegangen und ihre Rezension deshalb schlecht ausgefallen war. Das animierte mich dazu, diesen Beitrag über Erwartungen an Bücher zu formulieren.
Keine Erwartungen an einen kreativen Akt
Grundsätzlich gilt: Erwartungen können wir an technische Geräte stellen, z.b. an ein Tablet. Wenn es nach dem Kauf weniger Arbeitsspeicher oder eine kürzere Akkulaufzeit als auf der Packung angegeben hat, können wir enttäuscht sein. Von unseren Mitmenschen können wir zumindest ein generelles Verhalten, wie einen respektvollen Umgang, erwarten. Aber wir können, meiner Meinung nach, keine inhaltlichen Erwartungen an Bücher stellen, da dies ein kreativer Akt ist, in dem sich die Schreibenden ausleben. Das Gleiche gilt übrigens bei Filmen. Wir werden von den Kreativen ein Stück weit an die Hand genommen und lernen eine andere Welt kennen. Dürfen wir da wirklich Erwartungen stellen?
In meinem konkreten Fall ging die Leserin davon aus, dass Butler Affairs ein britischer Krimi wäre – das hat mein Kurzroman aber nie von sich behauptet! Ich kann beispielsweise nicht in den Film Titanic (1997) gehen und einen krassen Science – Fiction – Film erwarten. Noch deutlicher gesagt: ich kein Stephen King – Buch lesen und mich dann darüber beschweren, dass darin Tiere oder Menschen abgemurkst wurden, weil ich ein zartes Märchen erwartet habe!
Eigene Vorstellung vor dem Lesen
Vor dem Lesen gehen wir aufgrund noch fehlenden Wissens lediglich mit einer eigenen Vorstellung an eine Geschichte heran. Beispielsweise lässt sich am Klappentext von Butler Affairs herauslesen, dass es darin um Intrigen geht und die Handlung in Irland spielt. Lesende können sich also schon einmal vorstellen, dass kriminelle oder moralisch verwerfliche Dinge vor einer ruhigen – beinahe romantischen – Naturkulisse behandelt werden könnten. Diese Vorstellung würde mein Werk erfüllen. Würde die Erzählfigur in Form von Butler Nigel aber beispielsweise nach dem ersten Kapitel nach Tokio oder Deutschland reisen und für den Rest der Geschichte dortbleiben, wäre nicht nur einem Teil der eigenen Vorstellung, sondern auch dem Klappentext nicht entsprochen worden. Das ist aber nicht der Fall.
Eine erwartbare Geschichte bedeutet keine überraschende Geschichte
Doch was ist, wenn Lesende mit Erwartungen an eine Geschichte herangehen? Sie werden unweigerlich enttäuscht – was nur natürlich ist! Wenn jedes Buch unseren Erwartungen entsprechen würde, gäbe es keine inhaltlichen Wendungen mehr oder anders ausgedrückt: eine erwartbare Geschichte bedeutet, keine überrasche Geschichte vor uns zu haben. Wir würden im Prinzip genau wissen, was den Figuren als nächstes widerfährt oder die Szenenabläufe in den einzelnen Kapiteln beschreiben können, obwohl wir nicht einmal in das Buch gesehen haben. Wie langweilig!
Welche Erwartungen sich tatsächlich an Bücher stellen lassen
Dennoch gibt es einige Erwartungen, die sich tatsächlich an Bücher stellen lassen – diese haben aber nichts mit der Handlung an sich zu tun:
- Gewisse Logik innerhalb der Geschichten. Jedes Buch spielt in einer anderen Welt, in der es selbstverständlich eigene Gesetze gibt. Deshalb wäre es unstimmig, wenn ein Zeitreisender, der vorher immer Plutonium genutzt hatte, in der Buchmitte plötzlich mit Blei reisen kann.
- Grobe Fehler. Wenn eine Nebenfigur Jonathan heißt, sollte sie das auch bitte die ganze Erzählung lang – es sei denn, die Person gibt ihre Identität nur vor. Manchen Schreibenden passiert der Fehler, dass Figuren mitten im Werk vertauscht werden oder sich plötzlich andere Namen, andere Haarfarben usw. einschleichen.
- Lesen statt nur kosten. Gerade unter gewinnorientierten Selfpublisher*innen ist es (leider) üblich geworden, ein Buch zu verkaufen, das vorgibt, vollständig zu sein. Die Kundschaft macht beim Lesen aber schnell die Erfahrung, dass die Geschichte an einer seltsamen Stelle endet und findet dann verärgert heraus, dass sie bloß eine XXL – Leseprobe vor sich hatte.
Fazit
Es gibt sicher noch viele weitere Punkte, bei denen wir wirklich Erwartungen an Bücher stellen können. Dennoch sollten wir stets realistisch und bloß mit groben Vorstellungen (!) an den Buchkauf herangehen – und vor allem nicht enttäuscht sein, wenn die Schreibenden etwas ganz anderes daraus gemacht haben. Das taten sie nicht, um uns zu verwirren oder zu frustrieren, sondern um uns mit innovativen Ideen sowie überraschenden Wendungen bestmöglich zu unterhalten. Es ist immerhin ihr Werk, in dem nicht nur Unmengen von Arbeit, sondern auch Herzblut steckt.
