Archiv: Die "Ehe für alle" kommt

31.07.2017

Die sogenannte Ehe für alle wird kommen. Ich berichte über die Abstimmung und was nun folgen sollte. Dabei halte ich auch mit Kritik nicht hinter dem Berg und prangere die späte Gleichstellung sowie nicht nachvollziehbare Aussagen an.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 31.07.2017 auf meinem ehemaligen Autorenblog. 2026 wurde er von mir leicht überarbeitet und als Archivbeitrag auf dieser Website neu hochgeladen.

Was ist geschehen?

Der 30. Juni 2017 war für viele ein freudiger Tag: im Bundestag wurde eine der wichtigsten Entscheidungen seit Bestehen der Bundesregierung gefällt: die Ehe für alle. 226 Abgeordnete stimmten dagegen, ganze 393 Abgeordnete dafür. Einige waren extra aus dem Urlaub oder dem Krankenhaus gekommen, um der wichtigen namentlichen Abstimmung beizuwohnen. Angela Merkel hatte – wie vorhersehbar – gegen die Ehe für alle gestimmt.

Nur eine Woche später, am 07.07.2017, hatte der Bundesrat sich mit dem Gesetz befasst, welches am 20.07.2017 von Bundespräsident Frank – Walter Steinmeier unterzeichnet wurde. Nach der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 28.07.2017 haben Standesämter nun drei Monate Zeit, ihre Unterlagen zu korrigieren und sich auf die Trauung queerer Personen vorzubereiten. Ab 01. Oktober sollte es daher auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich sein zu heiraten.

Danke!

Die Worte eingetragene Lebenspartnerschaft, Homo – Ehe und Ehe light sind damit endlich passé. Ein großes Danke gilt natürlich allen, die sich für queere Belange einsetzen und sich deshalb jeden Tag Anfeindungen, Mobbing und Diskriminierungen aussetzen lassen müssen. Neben einigen Parteien haben sich vor allem aktivistische Menschen für die Öffnung der Ehe eingesetzt. Darunter waren keineswegs nur Queers, sondern auch Heterosexuelle.

Meine Bücher und dieser Blog haben ebenfalls dazu beigetragen, dass queere Personen im Alltag gesehen werden und ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit geschaffen. Wir können uns also ruhig einmal selbst auf die Schulter klopfen.

Neben der Freude gibt es Kritik

Neben all der Freude ist es ein riesiges Unding, dass die Ehe für alle erst im Jahr 2017 beschlossen worden ist. Ganze dreißig Mal hatte die CDU die Abstimmung darüber in den letzten Jahren verhindert. Der Gesetzentwurf, den die rheinland – pfälzische Regierung erstellte, lag seit Jahren vor – doch er kümmerte die wenigsten. Selbst die SPD, welche die historische Abstimmung letztendlich initiierte und mithilfe der Linken und Grünen beschleunigte, war in der letzten Zeit immer wieder zurückgerudert, um die Koalition mit der CDU nicht zu gefährden.

Ein weiteres Unding ist das vermutlich doppelte zur – Kasse – bitten der bereits verpartnerten Paare. Jahrzehntelang war es den Deutschen verboten worden, eine gleichwertige Ehe einzugehen und nun müssen sie voraussichtlich zweimal für ein – und denselben standesamtlichen Vorgang zahlen. Es ist noch nicht ganz klar, wie genau dabei alles ablaufen wird – auch hier muss ich deutliche Kritik üben. Seit Jahren liegt der Gesetzesentwurf bereit und kaum jemand macht sich Gedanken um dessen konkrete Umsetzung?

Die Kirche oder Uromas Ansichten

Deutliche Kritik muss ich natürlich auch an der katholischen Kirche üben. Sogenannte "katholische Gläubige" beten tatsächlich, dass gegen das rechtmäßige Gesetz geklagt wird. Wie unchristlich ist das eigentlich?
Ich habe es schon auf Twitter erwähnt: das sind keine Frommen, sondern Menschen mit rechtem Gedankengut. Ihr Gott will keine Unterdrückung, genauso wenig wie er Krieg, Hass und Tod möchte. Solche schizophrenen Gläubigen sollten erst einmal gegen ihren eigenen bösen Anteil anbeten, als Unschuldige weiter in die Diskriminierungshölle zu verbannen. Ob die katholische Kirche endlich in der Gegenwart ankommt und queere Mitglieder traut, steht auf einem anderen Blatt, die evangelische Kirche ist da bereits weiter. In diesem Beitrag geht es aber um die staatliche gleichgeschlechtliche Ehe – rechtlich zählt sonst nichts – und die war eben längst hinfällig.

Heiratet Haus und Tier!

Wie schädlich, verdorben und asozial manche Menschen sind, wird daran ersichtlich, dass sie den Begriff der Ehe für alle wortwörtlich nehmen und denken, dass die Ehe nun wirklich für alle skurrilen und perversen Aktivitäten geöffnet wäre. In zahlreichen Foren und unsäglichen Internetkommentaren ist davon zu lesen, dass nun mehr als vier Menschen eine Ehe eingehen, Mütter ihre Töchter heiraten, der Nachbar das Eigenheim und der Vater das Haustier ehelichen würde. Hallo, geht es noch?

Menschen mit diesen wahnsinnigen Aussagen versuchen queere Personen weiterhin zu diskriminieren und sie als unnormal oder abscheulich darzustellen. Solchen Exemplaren sollte das Posten im frei zugänglichen Internet eigentlich verboten werden, da sie mit ihrem unterirdischen IQ nicht nur virtuell, sondern auch ganz real einen immensen gesellschaftlichen Schaden anrichten.
Die Ehe für alle bedeutet eben nicht, dass sich Mami und Papi trennen und Kind oder Auto heiraten, sondern dass zwei Erwachsene ohne Geschlechtsdiskriminierung die Ehe eingehen können. Im neuen Gesetz – das vermutlich keiner dieser ignoranten Menschen überhaupt gelesen hat – wird eindeutig und wortwörtlich von zwei Personen gesprochen, was alle irrsinnigen Behauptungen augenblicklich widerlegt.
Zudem bedeutet die Eheöffnung keinesfalls, dass nun jedes verliebte Paar zum Standesamt stürmt – wenn auch manche unvernünftige Hetero – Paare das in der Vergangenheit so gehandhabt haben.

Was sich ab jetzt ändern sollte

Am wenigsten Bürokratie würde es verursachen, wenn alle bereits geschlossenen Lebenspartnerschaften automatisch in eine vollwertige Ehe umgewandelt würden. Wahrscheinlicher dagegen ist es, die bisherigen Paare ein zweites Mal zahlen zu lassen und die Umwandlung damit zu vollziehen. Das bedeutet in der Tat mehr Arbeit für die Standesämter, als die einfache Bereitstellung der zurückdatierten Eheurkunde. Jene Paare, die sich nicht um den Papierkram kümmern, werden also weiterhin "eingetragene Lebenspartnerschaft" auf Personalbögen ankreuzen müssen – unverständlich, dass diese seltsame Bezeichnung weiter existieren soll. Bereits verpartnerte Paare sollten Vorzug erhalten, da sie teilweise seit 2001 auf eine völlige Gleichstellung warten.

Doch selbst mit der Ehe für alle ist die Diskriminierung nicht abgeschafft. Volker Beck von den Grünen hat bereits angekündigt, das Schulmobbing gegen queere Kinder und Heranwachsende härter bestrafen zu wollen. Aber nicht nur auf deutschen Schulhöfen muss sich etwas ändern, sondern auch allgemein im Polizeirecht. Beleidigungen wie "Schwuchtel" sind alltäglich und Anzeigen deswegen verlaufen meist im Sand. Solche Aussagen sind seit langem – und jetzt noch mehr – verfassungsfeindlich und deren Existenz nicht mehr mit dem Gesetz konform. Dieses braune Gedankengut muss endlich ausgerottet werden.

Fazit

Die Ehe für alle ist endgültig beschlossen und stellt damit die vollständige Gleichstellung queerer Paare dar. Wir mussten über zweitausend Jahre warten, bis wir dieses uns zustehende Recht erhielten. In Irland und anderen Ländern wurde bereits Jahre zuvor die Ehe geöffnet, doch in Deutschland dauert alles eben länger. Zwar ist es am Ende egal, aus welchem Grund genau nun alles geklappt hat – es zählt nur, dass die Ehe für alle sofort umgesetzt wird und auch für künftige Generationen sicher im Gesetz verankert wird.

Weitere Informationen:
süddeutsche.de – Bundestag beschließt die "Ehe für alle"
tagesschau.de – Ehe für alle: was sich jetzt rechtlich ändert
Spiegel.de – Bundesrat gibt grünes Licht für Ehe für alle
Zeit.de – Frank-Walter Steinmeier: Gesetz zur Ehe für alle unterzeichnet
n-tv.de – Jahrzehntelanges Ringen- Ehe für alle gilt ab 01. Oktober

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